Das österreichische Start-up-Ökosystem befindet sich im vierten Jahr in Folge im Rückwärtsgang. Das Finanzierungsvolumen ist 2025 massiv eingebrochen, größere Wachstumsrunden bleiben die Ausnahme. Während sich andere europäische Märkte stabilisieren, verliert Österreich weiter an Boden – mit spürbaren Folgen für Innovation, Skalierung und internationale Wettbewerbsfähigkeit.
Foto: EY/Robert Herbst
Florian Haas, Director, Head of Brand & Growth und Head of Start-up bei EY Österreich
Das Jahr 2025 geht als Wendepunkt in negativer Hinsicht in die Geschichte der heimischen Start-up-Szene ein. Erstmals seit mehreren Jahren setzt sich der Abwärtstrend bei Finanzierungen nicht nur fort, sondern verschärft sich deutlich. Das aktuelle EY Start-up-Barometer Österreich 2025 zeigt: Trotz einzelner Lichtblicke, etwa im Bereich der Künstlichen Intelligenz, fehlt es dem Standort zunehmend an Substanz – vor allem dort, wo Wachstumskapital für den nächsten Entwicklungsschritt erforderlich wäre.
„Die Zahlen zeigen unmissverständlich, dass sich das österreichische Start-up-Ökosystem weiter abschwächt. Nach bereits drei Jahren rückläufiger Finanzierungsaktivität ist 2025 ein neuer Tiefpunkt erreicht. Das ist kein kurzfristiger Zyklus, sondern ein strukturelles Warnsignal. Ohne rasche und koordinierte Maßnahmen droht Österreich im internationalen Wettbewerb weiter zurückzufallen“, sagt Florian Haas, Head of Start-up bei EY Österreich.
Nach einem bereits schwachen Jahr 2024 mit einem Finanzierungsvolumen von 578 Millionen Euro setzte sich der Negativtrend 2025 deutlich fort. Das Gesamtvolumen brach um rund 56 Prozent auf 253 Millionen Euro ein. Die Anzahl der Finanzierungsrunden blieb mit 148 nahezu unverändert, doch die durchschnittliche Dealgröße sank drastisch auf 2,3 Millionen Euro. Zum Vergleich: 2024 lag dieser Wert noch bei 4,3 Millionen Euro, im Boomjahr 2021 sogar bei 11,6 Millionen Euro.
Besonders augenfällig ist die strukturelle Schwäche im Wachstumssegment. Nur vier Finanzierungsrunden überschritten 2025 die Marke von zehn Millionen Euro, Mega-Runden über 100 Millionen Euro fehlen seit 2023 vollständig. Größere Anschlussfinanzierungen, die für Internationalisierung und Skalierung essenziell wären, sind damit zur Ausnahme geworden.
„2024 war bereits ein schwaches Jahr für das österreichische Start-up-Ökosystem. 2025 verschärft diese Entwicklung nun deutlich und macht sichtbar, wie stark insbesondere wachstumsorientierte Start-ups und Scale-ups unter Druck geraten. Der eingeschränkte Zugang zu Wachstumskapital bremst Internationalisierung, Innovation und Beschäftigungsaufbau zunehmend aus“, so Haas. Damit stehe nicht nur die Entwicklung einzelner Unternehmen, sondern „die langfristige Wettbewerbsfähigkeit des gesamten Start-up-Standorts auf dem Spiel“.
Der Blick über die Landesgrenzen verschärft den Befund. Während sich das europäische Start-up-Ökosystem 2025 insgesamt stabilisierte und das Investitionsvolumen EU-weit um rund fünf Prozent auf mehr als 66 Milliarden Euro stieg, entwickelte sich Österreich klar gegen den Trend. Zwar verzeichneten 25 von 43 erfassten Ländern noch Rückgänge, 17 Märkte konnten jedoch bereits wieder zulegen.
Mit einem Minus von 56 Prozent zählt Österreich zu den Ländern mit den stärksten Rückgängen und liegt im unteren Drittel des europäischen Vergleichs. Länder, die institutionelles Kapital gezielt mobilisiert und bessere Rahmenbedingungen für Wachstum geschaffen haben, profitieren bereits von einer Belebung der Investitionen.
„Dass sich viele europäische Märkte bereits stabilisieren oder wieder wachsen, zeigt sehr klar: Es liegt nicht an fehlendem Marktpotenzial, sondern an den Rahmenbedingungen. Länder, die gezielt Wachstumskapital mobilisiert und institutionelle Investoren eingebunden haben, profitieren bereits von einer Belebung der Start-up-Finanzierungen. Österreich muss jetzt vergleichbare Voraussetzungen schaffen“, betont Haas.
Trotz des insgesamt stark rückläufigen Marktes bleibt Künstliche Intelligenz der zentrale Investitionstreiber. Rund 38 Prozent des gesamten Risikokapitals flossen 2025 in KI-Start-ups, 36 Prozent aller Finanzierungsrunden entfielen auf dieses Segment. Damit erreicht KI einen Rekordanteil, kann das gesunkene Gesamtvolumen jedoch nicht kompensieren. Auch Nachhaltigkeits-Start-ups steigerten ihren relativen Anteil am investierten Kapital, allerdings ebenfalls vor dem Hintergrund eines insgesamt deutlich kleineren Marktes.
Regional bleibt Wien klarer Hotspot: 58 Prozent aller Finanzierungsrunden und 71 Prozent des investierten Kapitals entfielen 2025 auf die Bundeshauptstadt. Andere Bundesländer folgen mit großem Abstand und bleiben stark von einzelnen Transaktionen abhängig.
Vor diesem Hintergrund sieht EY dringenden Handlungsbedarf. Niedrigere Lohnnebenkosten, bessere Rahmenbedingungen für privates und institutionelles Risikokapital, moderne Mitarbeiterbeteiligungsmodelle und der erleichterte Zuzug internationaler Fachkräfte gelten als zentrale Hebel. Besonders wichtig ist aus Sicht von Haas die rasche Umsetzung des angekündigten Rot-Weiß-Rot-Dachfonds, um die seit Jahren bestehende Lücke bei Wachstumsfinanzierungen zu schließen.
„Wenn Politik, Kapitalmarkt und Wirtschaft jetzt gemeinsam Verantwortung übernehmen, kann Österreich die Voraussetzungen für Stabilisierung und neue Wachstumsimpulse schaffen. Die notwendigen Hebel sind bekannt – werden sie konsequent umgesetzt, hat der Start-up-Standort das Potenzial, wieder auf einen nachhaltigen Wachstumspfad zurückzukehren und seine Wettbewerbsfähigkeit langfristig zu stärken“, so Haas abschließend.