Der aktuelle Threat Intelligence Index von IBM zeigt eine deutliche Zunahme KI-gestützter Angriffe. 2025 wurde die Ausnutzung von Schwachstellen weltweit zur häufigsten Ursache für Sicherheitsvorfälle. Europa war Ziel von 25 Prozent der untersuchten Attacken, besonders betroffen waren Finanz- und Versicherungsunternehmen.
Quelle: IBM
Die Bedrohungslage im Cyberraum verschärft sich weiter – nicht durch völlig neue Angriffsmuster, sondern durch deren Beschleunigung. Der 2026 veröffentlichte X-Force Threat Intelligence Index von IBM dokumentiert, dass Cyberkriminelle zunehmend auf künstliche Intelligenz zurückgreifen, um bekannte Schwachstellen schneller zu identifizieren und auszunutzen. Sicherheitslücken in öffentlich zugänglichen Anwendungen stehen dabei im Zentrum. Die Dynamik trifft Unternehmen weltweit – auch in Europa, das erneut zu den am stärksten attackierten Regionen zählt.
2025 war die Ausnutzung von Schwachstellen mit einem Anteil von 40 Prozent die häufigste Ursache für von IBM X-Force beobachtete Sicherheitsvorfälle. Angriffe, die mit der Kompromittierung öffentlich zugänglicher Anwendungen begannen, stiegen im Jahresvergleich um 44 Prozent. Als zentrale Faktoren nennt der Bericht fehlende Authentifizierungskontrollen sowie KI-gestützte Verfahren zur Schwachstellenerkennung.
Parallel dazu wuchs die Zahl aktiver Ransomware- und Erpressungsgruppen um 49 Prozent. Die Landschaft fragmentiert sich zunehmend: Viele neue Akteure operieren mit kleineren, kurzlebigen Kampagnen, was die Zuordnung erschwert. Die Zahl der öffentlich bekanntgegebenen Opfer stieg dennoch um rund 12 Prozent. Laut Index sinken die Markteintrittsbarrieren, da Bedrohungsakteure auf geleakte Werkzeuge zurückgreifen, etablierte Angriffsmuster übernehmen und KI zur Automatisierung einzelner Schritte einsetzen. Mit der Weiterentwicklung multimodaler KI-Modelle rechnet IBM damit, dass auch komplexere Aufgaben wie Aufklärung oder fortgeschrittene Ransomware-Angriffe stärker automatisiert werden.
Ein weiteres Risiko sieht der Bericht im Bereich Identität und KI-Plattformen. 2025 wurden durch Infostealer-Malware mehr als 300.000 Zugangsdaten zu ChatGPT offengelegt. Damit erreichen KI-Plattformen laut Analyse ein ähnliches Risikoniveau wie andere zentrale SaaS-Lösungen. Kompromittierte Chatbot-Zugänge ermöglichen nicht nur Kontoübernahmen, sondern auch Manipulation von Ausgaben, Exfiltration sensibler Daten oder das Einschleusen schadhafter Prompts.
Seit 2020 haben sich große Kompromittierungen von Lieferketten und Drittanbietern nahezu vervierfacht. Angreifer nutzen verstärkt Vertrauensbeziehungen sowie Automatisierung in Entwicklungs- und Bereitstellungsprozessen aus, etwa in CI/CD-Pipelines oder SaaS-Integrationen. Mit dem zunehmenden Einsatz KI-gestützter Programmierwerkzeuge, die Entwicklungsprozesse beschleunigen und teils ungeprüften Code einführen, erwartet der Bericht weiteren Druck auf Software-Lieferketten und Open-Source-Ökosysteme im Jahr 2026.
Zudem verschwimmen laut Analyse die Grenzen zwischen nationalstaatlichen und finanziell motivierten Akteuren. Techniken, die früher vor allem staatlichen Gruppen zugeschrieben wurden, verbreiten sich in Untergrundforen und werden von finanziell motivierten Akteuren übernommen. KI vereinfacht dabei sowohl Aufklärung als auch Ausnutzung von Schwachstellen.
Auch grundlegende Sicherheitsmaßnahmen bleiben ein Schwachpunkt. Red-Team-Tests von IBM X-Force zeigen weiterhin Defizite bei Zugangshygiene und Softwarekonfiguration. Fehlkonfigurierte Zugriffskontrollen waren der häufigste Einstiegspunkt in simulierten Angriffsszenarien.
Europa war 2025 Ziel von 25 Prozent aller von IBM untersuchten Cyberangriffe und bleibt damit die dritthäufigste angegriffene Region weltweit – hinter Amerika mit 29 Prozent und Asien-Pazifik auf Rang zwei. Gegenüber 2024 stieg der Anteil in Europa um zwei Prozentpunkte.
In der Region war die Ausnutzung öffentlich zugänglicher Anwendungen mit 40 Prozent die Hauptursache für Vorfälle. Malware kam in 43 Prozent der Fälle zum Einsatz, die Nutzung legitimer Tools sowie unbefugter Serverzugriff jeweils in 26 Prozent. Beim Angriffsziel dominierte das Sammeln von Zugangsdaten mit 40 Prozent, gefolgt von Datenlecks (27 Prozent) und Datendiebstahl (13 Prozent).
Besonders stark betroffen war 2025 der Finanz- und Versicherungssektor, auf den 39 Prozent aller europäischen Vorfälle entfielen – ein deutlicher Anstieg gegenüber 18 Prozent im Jahr zuvor. Professional-, Geschäfts- und Verbraucherdienstleistungen gingen hingegen von 38 auf 18 Prozent zurück. Der Einzelhandel lag bei 13 Prozent.
Global betrachtet wurde Nordamerika mit 29 Prozent der beobachteten Fälle erstmals seit sechs Jahren zur am stärksten angegriffenen Region. Die Fertigungsindustrie stand weltweit im fünften Jahr in Folge an der Spitze der Zielliste und machte 27,7 Prozent der von X-Force beobachteten Vorfälle aus, wobei Datendiebstahl die häufigste Auswirkung war.
Der Index zeichnet damit ein Bild beschleunigter, KI-gestützter Angriffe, die vor allem dort erfolgreich sind, wo grundlegende Sicherheitsmaßnahmen fehlen. Für Unternehmen rückt die systematische Absicherung von Anwendungen, Identitäten und Lieferketten zunehmend in den Mittelpunkt der Risikosteuerung.