Der weltweite Digitalisierungsgrad der Industrie steigt weiter – doch während China, USA und neue Märkte wie Indien und Mexiko ihre Produktion konsequent software- und datengetrieben transformieren, bleibt die DACH-Region strukturell zurück. Das zeigt das aktuelle Industrie 4.0 Barometer 2026 von MHP und der LMU München.

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Die industrielle Transformation schreitet voran, aber nicht gleichmäßig. Während sich digitale Technologien wie künstliche Intelligenz, digitale Zwillinge und datengetriebene Steuerung zunehmend etablieren, zeigen sich im internationalen Vergleich deutliche Unterschiede im Umsetzungstempo. Europa, insbesondere die DACH-Region, verliert dabei weiter an Boden – weniger aus Mangel an Ambition als vielmehr aufgrund struktureller Altlasten.
Der Gesamtbarometerwert, ein zentraler Indikator für den Digitalisierungsgrad der Industrie, steigt weltweit von 48 Prozent im Jahr 2022 auf 66 bzw. 68 Prozent im Jahr 2026. Gleichzeitig wird die Spreizung zwischen den Regionen größer.
China erreicht 72 Prozent und liegt damit an der Spitze, gefolgt von den USA mit 69 Prozent. Indien (68 Prozent) und Mexiko (67 Prozent) positionieren sich auf Anhieb im oberen Mittelfeld. Demgegenüber stagniert die DACH-Region bei 57 Prozent, während das Vereinigte Königreich auf 62 Prozent zurückfällt.
Die Studie zeigt damit eine klare Dynamik: Während einige Regionen ihre digitale Transformation beschleunigen, verharren andere auf einem vergleichsweise stabilen, aber niedrigeren Niveau. Ursachen dafür liegen vor allem in gewachsenen IT- und OT-Strukturen sowie fragmentierten Datenlandschaften, die neue Technologien schwer integrierbar machen.
Ein zentrales Element der digitalen Produktion ist der digitale Zwilling – die virtuelle Abbildung von Prozessen, Anlagen und Zuständen. Die Studie zeigt, dass sich diese Technologie schneller verbreitet als andere Industrie-4.0-Anwendungen.
Der Barometerwert für den Einsatz digitaler Zwillinge in Werken und Maschinen steigt auf 62 Prozent, in der Logistik sogar auf 67 Prozent. Besonders stark ist die Entwicklung in der Logistik, wo die Verbreitung seit 2022 deutlich zugenommen hat.

Quelle: MHP
Im internationalen Vergleich führt China deutlich: 84 Prozent der Unternehmen setzen digitale Zwillinge in der Logistik zumindest partiell ein. Dahinter folgen Mexiko (74 Prozent), Indien (68 Prozent) und die USA (61 Prozent). Die DACH-Region bildet mit 42 Prozent das Schlusslicht.
Die Visualisierung zeigt zudem, dass sich der Einsatz zunehmend von Pilotprojekten hin zu produktiven Anwendungen verschiebt – ein Hinweis auf die wachsende operative Relevanz dieser Technologie.
Ähnlich ambivalent fällt das Bild bei der künstlichen Intelligenz aus. Während der Einsatz in der Produktion weltweit zunimmt, bleibt die Integration häufig oberflächlich.
China erreicht beim partiellen oder vollständigen KI-Einsatz in der Produktion 71 Prozent, Indien 61 Prozent und die USA 57 Prozent. Die DACH-Region liegt mit 37 Prozent deutlich zurück.
Gleichzeitig erwarten viele Unternehmen erhebliche Auswirkungen: In der DACH-Region rechnen 51 Prozent mit „erheblichen“ oder „bahnbrechenden“ Effekten in den kommenden fünf Jahren.
Quelle: MHP
Diese Diskrepanz beschreibt die Studie als „KI-Hype-Gap“: Ohne belastbare Dateninfrastrukturen, Sensorik und digitale Zwillinge bleibt KI häufig auf Pilotprojekte beschränkt und entfaltet keinen breiten Produktivitätshebel.
Im Fokus der aktuellen Ausgabe steht das Konzept des Software-Defined Manufacturing (SDM). Es beschreibt die Entkopplung der Produktionssteuerung von physischer Hardware zugunsten eines zentralen Software-Layers.
Dieses Modell ermöglicht eine flexible, skalierbare und standortübergreifende Steuerung von Produktionsprozessen. Gleichzeitig verschiebt sich die Rolle des CIO: Er wird zunehmend zum Architekten der digitalen Fabrik und verantwortet IT-/OT-Integration, Datenkompetenz und Investitionsentscheidungen.
Die internationale Verbreitung zeigt jedoch erneut deutliche Unterschiede: In China und Indien geben jeweils 30 Prozent der Befragten an, mit SDM „sehr vertraut“ zu sein. In der DACH-Region sind es lediglich drei Prozent.
Damit wird SDM zu einem Indikator für die zukünftige Wettbewerbsfähigkeit – und zugleich zu einem Bereich, in dem Europa aktuell deutlich hinterherhinkt.
Die Studie verdeutlicht auch die wachsende Bedeutung von Supply-Chain-Transparenz und datengetriebenen Logistikprozessen.
Weltweit geben 68 Prozent der Unternehmen an, Produkte entlang der gesamten Wertschöpfungskette verfolgen zu können. Gleichzeitig sind 63 Prozent der Anlagen mit Sensorik ausgestattet, um Zustandsdaten zu erfassen.
Auch hier zeigt sich ein klares Gefälle: China erreicht bei der Rückverfolgbarkeit 80 Prozent, während die DACH-Region bei 53 Prozent liegt.
Die Visualisierungen verdeutlichen zudem die zunehmende Verschiebung hin zu höherem Reifegrad – weg von Planung und Pilotprojekten hin zu produktivem Einsatz.
Ein entscheidender Unterschied zwischen den Regionen liegt in der Investitionsbereitschaft. Während 71 Prozent der Unternehmen in Indien bereit sind, umfangreich in digitale Technologien zu investieren, sind es in der DACH-Region lediglich 29 Prozent.
Parallel dazu fokussieren Unternehmen in Europa stärker auf Effizienz und Kostenoptimierung, während Emerging Markets verstärkt auf Wachstum, Qualität und Markterschließung setzen.
Diese unterschiedliche strategische Ausrichtung wirkt sich direkt auf die Geschwindigkeit der Transformation aus – und erklärt, warum neue Märkte in vielen Bereichen schneller vorankommen.

Quelle: MHP

Quelle: MHP
Das Industrie 4.0 Barometer 2026 zeichnet ein konsistentes Bild: Die digitale Transformation der Industrie schreitet weltweit voran, wird jedoch zunehmend von wenigen Regionen dominiert.
Europa steht dabei vor einer doppelten Herausforderung: Neben der technologischen Modernisierung müssen vor allem strukturelle Altlasten – von Datensilos bis hin zu fragmentierten IT-Landschaften – überwunden werden.
Der zentrale Hebel liegt laut Studie in der konsequenten Integration von IT und OT sowie in der Ausrichtung auf softwarebasierte Produktionsarchitekturen. Nur so lassen sich die Voraussetzungen schaffen, um Technologien wie KI oder digitale Zwillinge produktiv einzusetzen.
Andernfalls droht die Lücke zu den globalen Vorreitern weiter zu wachsen.