Auf der ESET World 2026 in Berlin hat der europäische Security-Hersteller ESET seine strategische Neuausrichtung im Zeitalter autonomer KI-Systeme skizziert. CEO Richard Marko und CTO Juraj Malcho zeichneten ein Bild einer Cybersecurity-Landschaft, in der klassische Sicherheitsmodelle an ihre Grenzen stoßen. Parallel kündigte ESET mit ESET PRIVATE ein neues adaptives Angebot für kritische Infrastrukturen, Behörden und Großunternehmen an.
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Eröffnung der ESET World 2026 in Berlin durch Richard Marko, CEO von ESET
Schon zu Beginn seiner Keynote machte Richard Marko deutlich, dass ESET die aktuelle Entwicklung nicht als gewöhnliche technologische Evolution betrachtet. Die Cybersecurity-Branche stehe vielmehr vor einem grundlegenden Paradigmenwechsel.
„Wir treten in eine völlig neue KI-Ära der Cybersicherheit ein“,
sagte der CEO auf der Bühne der ESET World in Berlin.
Marko spannte in seiner Rede einen historischen Bogen von den ersten Computerviren der 1980er-Jahre bis zu heutigen Large Language Models (LLMs) und autonomen KI-Agenten. Während künstliche Intelligenz zunächst vor allem für defensive Technologien wie heuristische Verfahren oder Deep-Learning-basierte Malware-Erkennung eingesetzt worden sei, habe sich das Bild grundlegend verändert.
„Künstliche Intelligenz hat ihre Unschuld nach und nach verloren“,
formulierte Marko.
Besonders ausführlich ging der ESET-CEO auf autonome Agentensysteme wie „Open Claw“ ein, die Fähigkeiten, Werkzeuge und selbstlernende Prozesse kombinieren. Solche Systeme könnten nicht nur Code generieren, sondern ihre eigenen „Skills“ weiterentwickeln, austauschen oder neue Werkzeuge erstellen. Marko sprach in diesem Zusammenhang von einer „Form digitaler Evolution“.
Dabei verwies er auf die Geschwindigkeit dieser Entwicklung: Laut ESET wurden im März 2025 rund 60.000 „Open Claw Skills“ beobachtet, davon mehr als 10.000 als potenziell gefährlich eingestuft. Weniger als zwei Monate später seien bereits über 800.000 Skills identifiziert worden - etwa 25.000 potentiell gefährlich.
Die entscheidende Veränderung sieht Marko darin, dass KI-Systeme künftig nicht mehr nur Werkzeuge seien, sondern zunehmend eigenständig Entscheidungen träfen. „Alle Werkzeuge und Mechanismen dafür existieren bereits“, warnte er.
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Juraj Macho, Chief Technology Officer, ESET
ESET-CTO Juraj Malcho versuchte in seinem Vortrag, die oft emotional geführte KI-Debatte zu versachlichen. Zwar verändere KI die Arbeitsweise vieler Unternehmen, die Realität sei jedoch weniger dystopisch, als häufig dargestellt werde.
„Im Grunde ist es dasselbe wie bisher: Daten müssen irgendwo gespeichert und verarbeitet werden“,
sagte Malcho.
Der CTO beschrieb KI vor allem als massive Erweiterung bestehender Rechen- und Dateninfrastrukturen. Genau darin sieht ESET künftig auch die zentrale Herausforderung für Sicherheitsanbieter: den Schutz der zugrunde liegenden Systeme, Datenströme und Lieferketten.
Gleichzeitig warnte Malcho davor, sich ausschließlich auf generative KI-Systeme zu verlassen.
„Wir dürfen nicht an einen Punkt gelangen, an dem praktisch alles von KI gesteuert wird“,
erklärte er die Wichtigkeit des Human-in-the-Loop Ansatzes.
Aus Sicht von ESET liegt der kritische Faktor künftig weniger in einzelnen Schadprogrammen als in der Kontrolle über KI-Modelle, Datenquellen und automatisierte Prozesse. Deshalb kündigte Marko in Berlin ein Investitionsprogramm über 40 Millionen Euro für KI-gestützte Cybersecurity-Technologien an. Der Fokus liege dabei auf eigenen KI-Modellen und „AI Foundations“, die speziell mit Cybersecurity-Daten trainiert werden sollen. Ziel sei mehr technologische Unabhängigkeit und digitale Souveränität.
„Denn in der Cybersicherheit ist Souveränität entscheidend“,
sagte Marko.
Parallel zur KI-Strategie stellte ESET in Berlin offiziell „ESET PRIVATE“ vor. Unter dieser Marke bündelt das Unternehmen künftig weltweit maßgeschneiderte Sicherheitsangebote für Organisationen mit besonders komplexen Anforderungen. Laut Pressemeldung richtet sich das Angebot an Behörden, Betreiber kritischer Infrastrukturen sowie Großunternehmen mit hohen Ansprüchen an Resilienz, Compliance und Datenkontrolle.
Hintergrund seien zunehmend komplexe IT- und OT-Landschaften sowie steigende regulatorische Anforderungen. Klassische Standardlösungen reichten insbesondere dort nicht mehr aus, wo isolierte Netzwerke, Air-Gapped-Systeme oder ältere industrielle OT-Infrastrukturen geschützt werden müssten.
Das neue Portfolio umfasst unter anderem Sicherheitslösungen für Air-Gapped-Umgebungen, Schutz für IT- und OT-Infrastrukturen, Highspeed-Bedrohungsscans, Threat-Intelligence-Angebote sowie Managed-Security-Services. Bereitgestellt werden können die Lösungen sowohl als Cloud- als auch als On-Premises-Modelle.
Martin Talian, Chief Corporate Solutions Officer bei ESET, beschrieb die Entwicklung des Unternehmens vom Softwareanbieter zum strategischen Sicherheitsberater. Viele Kunden suchten heute nicht mehr primär einzelne Produkte, sondern langfristig betreibbare Sicherheitsarchitekturen.
Dabei gehe es häufig um Umgebungen mit sehr langen Lebenszyklen.
„In kritischen Infrastrukturen bleiben Lösungen oft zehn bis fünfzehn Jahre im Einsatz“,
erklärte Talian.
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Richard Marko, Chief Executive Officer, ESET
Wie ESET PRIVATE konkret eingesetzt werden soll, erläuterte Richard Marko anhand eines Praxisbeispiels aus dem Bankensektor. Große Finanzinstitute seien heute zwar oft selbst gut abgesichert, ihre Kunden jedoch weiterhin Ziel von Phishing- und Betrugsangriffen. Gleichzeitig wachse der regulatorische Druck auf Banken, ihre Kunden besser vor digitalen Betrugsformen zu schützen.
Als Beispiel nannte Marko die Erste Group. Die Bank habe nach einer Lösung gesucht, um Kunden wirksamer gegen Betrugsversuche abzusichern, anstatt lediglich Warnhinweise auszusprechen. Gemeinsam mit ESET Corporate Solutions sei daraufhin eine maßgeschneiderte Sicherheitsarchitektur entwickelt worden.
Die Lösung mit dem Namen „ESET Private Client Shield“ kombiniert laut Marko ESET-Technologien mit den bestehenden Onlinebanking-Systemen der Bank. Ziel sei eine zusätzliche Schutzebene, die Kunden vor Betrugs- und Phishingangriffen schützen soll. Dabei werde nicht nur ein einzelnes Gerät abgesichert, sondern ein gruppenbasierter Schutzansatz verfolgt.
Das Beispiel verdeutlicht die strategische Stoßrichtung von ESET PRIVATE: Weg von standardisierten Sicherheitsprodukten, hin zu individuell angepassten Sicherheitsarchitekturen für spezifische Risiken und regulatorische Anforderungen.
Sowohl Marko als auch Malcho betonten mehrfach, dass Cybersecurity künftig nicht allein über mehr Daten oder mehr Automatisierung funktionieren werde. Insbesondere Security Operations Center (SOC) seien heute bereits massiv überlastet. Marko verwies auf Burnout-Raten von mehr als 70 Prozent unter SOC-Analysten infolge permanenter Alarmfluten.
Die Antwort darauf sieht ESET in stärker automatisierten, aber weiterhin menschlich überwachten Sicherheitsmodellen. Malcho sprach von KI-gestützten SOCs, bei denen KI Routineaufgaben übernimmt, während Menschen die Verantwortung und Kontrolle behalten. Gleichzeitig investiere ESET in neue Plattformen zur Verarbeitung und Korrelation großer Mengen an Threat-Intelligence-Daten.
Hinzu kommt der Aufbau eigener Sicherheitsinfrastrukturen jenseits der großen Hyperscaler. Laut Malcho arbeitet ESET an einer Abstraktionsschicht, mit der sich Sicherheitslösungen flexibel zwischen Cloud-, Private-Cloud- und On-Premises-Umgebungen bewegen lassen. Gerade geopolitische Unsicherheiten und Anforderungen an Datensouveränität würden dieses Thema für europäische Unternehmen zunehmend relevant machen.