Die aktuelle EY-Parthenon-Studie „Rebuilding a Sovereign Industrial Policy“ untersucht mehr als 1.200 Industrieprodukte in Europa – mit einem klaren Ergebnis: Fast die Hälfte der zentralen Güter gilt als kritisch und stark von geopolitischen Risiken abhängig. Österreich profitiert von EU-Fördermaßnahmen, muss aber eigene industriepolitische Prioritäten definieren.
Foto: EY/Stefan Seelig
Martin Bodenstorfer, Partner bei EY-Parthenon
Geopolitische Konflikte, pandemiebedingte Störungen und technologische Umbrüche verändern die Grundlagen der globalen Wirtschaft. Lieferketten, lange als Effizienztreiber gefeiert, zeigen sich zunehmend als verwundbar. Vor diesem Hintergrund gewinnt die Idee einer souveränen Industriepolitik an Gewicht. Die neue EY-Parthenon-Studie liefert datenbasierte Einblicke in Europas Abhängigkeiten – und zeigt, welche Herausforderungen und Kosten eine stärkere strategische Autonomie mit sich bringen würden.
Die Studie verweist auf mehrere Entwicklungen, die die Stabilität globaler Liefernetzwerke in den vergangenen Jahren geschwächt haben: die COVID-19-Pandemie, politische Spannungen sowie ein beschleunigter technologischer Wandel. Gleichzeitig steigt der Druck, Dekarbonisierungspfade einzuhalten und technologische Schlüsselkompetenzen in Europa zu sichern.
Die untersuchten Staaten verfolgen laut Studie drei industriepolitische Kernziele: die Verringerung geopolitischer Abhängigkeiten, die Stärkung der eigenen Wettbewerbsfähigkeit und die Sicherung gesellschaftlicher Stabilität durch eine verlässliche Versorgung mit essenziellen Gütern. Als kritisch gelten insbesondere Produkte, die für zentrale Wirtschafts- und Versorgungssysteme unverzichtbar sind und deren Lieferketten von hoher Importabhängigkeit geprägt sind – etwa Halbleiter, pharmazeutische Wirkstoffe oder strategische Rohstoffe.
Die Analyse zeigt, dass zwischen 47 und 56 Prozent der in Europa produzierten oder benötigten Industrieprodukte als kritisch einzustufen sind – rund 570 bis 700 von 1.230 untersuchten Gütern.
Martin Bodenstorfer, Partner bei EY-Parthenon Österreich, ordnet die Ergebnisse eindeutig ein:
„Globale Lieferketten sind auf jeden Fall im Wandel und mitunter auch gefährdet. Eine souveräne Industriepolitik ist darum heute kein ideologisches Konzept mehr, sondern eine wirtschaftliche Notwendigkeit.“
Europa ist demnach in den Bereichen Energie, Halbleiter, Pharma und Rohstoffe besonders exponiert. Die Risiken treten deutlich zu Tage, wenn Staaten sämtliche geopolitisch gefährdeten Lieferländer meiden würden: Für die Europäische Union lägen die Mehrkosten laut Studie bei 47 Milliarden US-Dollar jährlich – ein Anstieg von 141 Prozent gegenüber den ursprünglichen Importwerten. Für Frankreich allein würde ein solcher Schritt 6,2 Milliarden US-Dollar bedeuten, rund 101 Prozent mehr als bisherige Importe.
Anhand der Photovoltaikbranche wird sichtbar, dass Onshoring zwar teuer, aber strategisch relevant sein kann. Frankreich importiert jährlich Photovoltaikzellen im Wert von etwa 70 Millionen US-Dollar, knapp die Hälfte davon aus China. Die Rückverlagerung der Produktion würde Mehrkosten von über 200 Millionen US-Dollar verursachen, gleichzeitig aber bis zu 375 Arbeitsplätze schaffen und rund 2.000 Tonnen CO₂ pro Jahr einsparen.
Österreich profitiert aktuell von europäischen Förderprogrammen, die zentrale Branchen wie Halbleiter oder Energietechnologien unterstützen. Gleichzeitig steht das Land vor der Frage, welche Sektoren national besonders gestärkt werden sollen, um langfristig resilient zu bleiben.
Bodenstorfer betont die Notwendigkeit klarer politischer Leitlinien:
„Die COVID-19-Pandemie, der Ukraine-Krieg und die Stärke Chinas im E-Auto- und Solarbereich haben deutlich gemacht: Versorgungssicherheit ist keine Selbstverständlichkeit – sie braucht strategische Industriepolitik.“
Für Österreich geht es um die Balance zwischen europäischer Zusammenarbeit und nationaler Standortentwicklung, insbesondere im Hinblick auf Schlüsseltechnologien.
Die Studie zeigt, dass Industrie und Politik verstärkt zusammenarbeiten. 82 Prozent der befragten CEOs sind bereit, Maßnahmen zur Förderung nationaler Resilienz aktiv zu unterstützen, 56 Prozent wären sogar bereit, dafür geringere Gewinnmargen in Kauf zu nehmen. Besonders in Europa steigt das Interesse an Onshoring, auch wenn das Engagement im internationalen Vergleich noch zurückliegt: Derzeit beteiligen sich 28 Prozent der europäischen CEOs an Resilienzinitiativen, 49 Prozent planen dies. In Nord- und Südamerika liegt der Anteil bereits bei 55 Prozent, im asiatisch-pazifischen Raum bei 52 Prozent.
Bodenstorfer formuliert es so:
„Eine erfolgreiche Industriepolitik braucht klare Prioritäten, verlässliche Förderung und ein innovationsfreundliches Umfeld. Regierungen und Unternehmen müssen gemeinsam handeln, um gezielt in jene Sektoren zu investieren, die für die Wettbewerbsfähigkeit und Versorgungssicherheit entscheidend sind.“