Der Fachkräftemangel bleibt für Österreichs mittelständische Unternehmen das zentrale Risiko: 62 Prozent sehen darin eine Gefahr für das eigene Wachstum. Gleichzeitig berichten vier von zehn Betrieben von Umsatzeinbußen bzw. nicht realisierbaren Potenzialen. Als möglicher Entlastungsfaktor wird zwar Künstliche Intelligenz genannt – doch die große Mehrheit sieht (noch) keine realistische Anwendung, um Personalknappheit abzufedern.
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Erich Lehner, EY Österreich Erich Lehner, Partner und Mittelstandsexperte bei EY Österreich.
Der österreichische Mittelstand sieht sich weiterhin stark vom Fachkräftemangel gebremst. Laut aktuellem EY-Mittelstandsbarometer zählen sechs von zehn Unternehmen (62 Prozent) den Engpass zu den größten Gefahren für das eigene Unternehmen, ein Drittel (34 Prozent) stuft ihn als „sehr gefährlich“ ein. Zwar ist dieser Wert gegenüber dem Vorjahr leicht rückläufig (67 Prozent), doch die strukturelle Herausforderung bleibt: Knapp drei Viertel der Betriebe (72 Prozent) haben Schwierigkeiten, geeignetes Personal zu finden – besonders ausgeprägt in der Industrie (85 Prozent) sowie in Immobilien und Baugewerbe (71 Prozent).
Erich Lehner, Partner und Mittelstandsexperte bei EY Österreich, beschreibt die Lage als vorsichtig aufgehellt – aber keineswegs gelöst:
„Wenngleich es heuer eine geringe Steigerung gab, liegen die heimischen Mittelständler unter dem Durchschnitt der vergangenen zwölf Jahre (75 Prozent). Der Anteil der Unternehmen, die die Rekrutierung von geeignetem Personal als sehr leicht bezeichnen, ist gegenüber dem Vorjahr von fünf auf aktuell neun Prozent gestiegen – das ist der höchste Wert seit Jahresbeginn 2016. Auch wenn die große Mehrheit immer noch Schwierigkeiten hat, geeignetes Fachpersonal zu finden, zeigt sich ein Aufwärtstrend, der sich in positiven Beschäftigungssignalen niederschlägt. Verhaltener Optimismus lautet die Devise – auch wenn bei jedem zweiten mittelständischen Betrieb aktuell Stellen unbesetzt sind“.
Bei der Hälfte der befragten Unternehmen (50 Prozent) sind derzeit Stellen unbesetzt. Besonders häufig berichten Finanz- und andere Dienstleister von Vakanzen (54 Prozent), ebenso der Bereich Soziales, Wissenschaft und Bildung (53 Prozent). Am niedrigsten ist der Anteil im Sektor Transport/Verkehr/Energie (33 Prozent). Inhaltlich konzentrieren sich offene Stellen dort, wo operative Kapazitäten direkt auf den Output wirken: 23 Prozent der Unternehmen mit Vakanzen nennen Produktion, 17 Prozent Marketing/Vertrieb/Kundendienst.
Trotz der Engpässe plant ein Viertel der mittelständischen Betriebe (24 Prozent) in den kommenden sechs Monaten zusätzliche Stellen zu schaffen. 13 Prozent wollen hingegen Personal abbauen – deutlich weniger als zuletzt. In Summe wird dennoch nur ein geringes Beschäftigungswachstum erwartet: unterm Strich plus 0,4 Prozent. Lehner fasst diese Diskrepanz aus positiven Signalen und struktureller Zurückhaltung so zusammen: „Auch wenn der Anteil der Unternehmen, die zusätzliche Beschäftigte einstellen wollen, deutlich größer ist als der Anteil derer, die Stellenstreichungen beabsichtigen, soll die Zahl der Mitarbeitenden unterm Strich nur geringfügig – um 0,4 Prozent – steigen“.
Die betriebswirtschaftlichen Folgen werden deutlicher: Vier von zehn Unternehmen (41 Prozent) geben an, dass ihnen durch fehlende Fachkräfte Umsatz entgeht oder Umsatzpotenziale nicht realisiert werden können. 14 Prozent sprechen von erheblichen Einbußen – das ist doppelt so viel wie im Vorjahr (7 Prozent). Besonders betroffen sind Finanz- und andere Dienstleister (43 Prozent) sowie Transport/Verkehr/Energie (42 Prozent).
Parallel steigen Such- und Rekrutierungskosten: 45 Prozent der Unternehmen berichten, dass diese in den vergangenen fünf Jahren zugenommen haben, nur vier Prozent verzeichnen sinkende Kosten. Im Durchschnitt lag der Anstieg bei rund neun Prozent.
In der Diskussion um Entlastung spielt IT vor allem über Künstliche Intelligenz eine Rolle: 30 Prozent der Unternehmen sehen Chancen, KI zur Bekämpfung des Fachkräftemangels einzusetzen. Gleichzeitig bleibt das Bild zurückhaltend: 70 Prozent sehen keine Möglichkeit, KI im eigenen Unternehmen so einzusetzen, dass die Auswirkungen des Fachkräftemangels abgemildert werden.
Immerhin: Jedes zehnte Unternehmen setzt KI bereits mit genau diesem Ziel ein, weitere 20 Prozent halten den Einsatz grundsätzlich für wirksam – auch wenn sie selbst aktuell noch keine KI dafür nutzen. Am stärksten verbreitet ist dieser KI-Einsatz bei Finanz- und anderen Dienstleistern (22 Prozent), gefolgt vom Tourismus (18 Prozent). Das deutet auf eine selektive Nutzung hin – dort, wo digitale Prozesse und datenbasierte Abläufe bereits stärker etabliert sind.
Als wichtigsten Grund für den Fachkräftemangel nennen die Unternehmen die mangelnde Bereitschaft zu Vollzeit-Arbeit (46 Prozent; Vorjahr 61 Prozent). An zweiter Stelle stehen aus Sicht der Betriebe unzureichende Ausbildung und Qualifikation (37 Prozent). Politische Unterstützung wird nur von 17 Prozent als zentraler Grund genannt, allerdings ist die Unzufriedenheit mit staatlichen Maßnahmen hoch: Nur sechs Prozent bewerten diese positiv, 36 Prozent negativ.
Als Reaktion setzen viele Betriebe auf Qualifizierung, Flexibilisierung und Zusatzleistungen. Lehner bringt die Erwartungshaltung an Unternehmen dabei klar auf den Punkt: „Wenn man ein Team möchte, das gibt, muss man als Unternehmen auch bereit sein, zu geben“.