Der aktuelle „Bad Bot Report 2026“ von Thales zeigt eine strukturelle Verschiebung im Internet: Automatisierte, KI-gesteuerte Bots dominieren zunehmend den Datenverkehr und stellen Unternehmen vor neue Herausforderungen in der Cybersicherheit.
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Tim Chang, Global Vice President und General Manager Application Security bei Thales
Die Dynamik des Internetverkehrs befindet sich in einem tiefgreifenden Wandel. Automatisierung, beschleunigt durch künstliche Intelligenz, entwickelt sich laut aktuellen Analysen zu einem prägenden Element digitaler Infrastrukturen. Der „2026 Bad Bot Report“ zeigt, dass nicht mehr menschliche Nutzer, sondern Maschinen das Geschehen im Netz bestimmen. Diese Entwicklung verändert nicht nur die technischen Grundlagen des Internets, sondern auch die Anforderungen an Sicherheitsstrategien. Unternehmen sehen sich zunehmend mit der Frage konfrontiert, wie sich legitime von schädlicher Automatisierung unterscheiden lässt – eine Aufgabe, die durch den Einsatz von KI deutlich komplexer geworden ist.
Der Bericht identifiziert einen grundlegenden Wandel in der Natur von Bot-Aktivitäten. KI erhöht nicht nur deren Umfang, sondern verändert auch deren Charakter. Im Jahr 2025 stiegen KI-gesteuerte Bot-Angriffe um das 12,5-Fache im Vergleich zum Vorjahr. Gleichzeitig etabliert sich mit KI-Agenten eine neue Kategorie im Datenverkehr, die neben klassischen „guten“ und „bösen“ Bots agiert.
Diese Agenten interagieren direkt mit Anwendungen und APIs, um Aufgaben auszuführen oder Daten abzurufen. Dadurch verschwimmt die Grenze zwischen legitimer Nutzung und Angriff. Für Unternehmen bedeutet das eine Verschiebung der Sicherheitslogik: Nicht mehr die Identität eines Akteurs steht im Vordergrund, sondern dessen Verhalten und Absicht.
Tim Chang, Global Vice President und General Manager Application Security bei Thales, sagt dazu:
„KI verwandelt die Automatisierung von etwas, das Unternehmen zu verhindern versuchen, in etwas, das sie auch verwalten müssen. Die Herausforderung besteht nicht mehr darin, Bots zu identifizieren. Es geht darum, zu verstehen, was der Bot, der Agent oder die Automatisierung tut, ob dies mit den geschäftlichen Zielen übereinstimmt und wie sie mit kritischen Systemen interagieren.“
Diese Entwicklung führt laut Bericht zu einer wachsenden Transparenzlücke: Ein erheblicher Teil KI-gesteuerter Aktivitäten bleibt unerkannt oder ist von legitimem Traffic kaum zu unterscheiden.
Ein weiterer zentraler Befund betrifft die Verteilung des Internetverkehrs. Bots haben ihren Anteil weiter ausgebaut und machen mittlerweile mehr als die Hälfte des globalen Web-Traffics aus. 2025 lag dieser Wert bei über 53 Prozent, während menschliche Aktivitäten auf 47 Prozent zurückgingen.
Der Bericht interpretiert diese Entwicklung nicht als kurzfristigen Trend, sondern als strukturellen Wandel. Automatisierte Aktivitäten sind nicht mehr punktuell – etwa im Kontext von Scraping oder Credential-Stuffing –, sondern eine dauerhafte und erwartbare Größe in digitalen Systemen.
Besonders auffällig ist die Qualität dieses Traffics: In Deutschland werden 61 Prozent der Bot-Aktivitäten als bösartig eingestuft, deutlich über dem globalen Durchschnitt von 40 Prozent. Damit steigt nicht nur die Quantität automatisierter Interaktionen, sondern auch das Risiko für Unternehmen erheblich.
Mit der zunehmenden Bedeutung von APIs als Rückgrat digitaler Geschäftsmodelle verschiebt sich auch die Angriffsfläche. Laut Bericht richten sich inzwischen 27 Prozent aller Bot-Angriffe gezielt gegen APIs. Angreifer umgehen dabei klassische Front-End-Schutzmechanismen und interagieren direkt mit Backend-Systemen.
Diese Angriffe sind schwer zu erkennen, da sie häufig legitime Authentifizierungen und korrekt strukturierte Anfragen nutzen. Ziel ist es, Geschäftslogik auszunutzen, Daten zu extrahieren oder Prozesse zu manipulieren.
Besonders betroffen sind Branchen mit hohem wirtschaftlichem Wert. Im Finanzsektor entfielen 24 Prozent aller Bot-Angriffe sowie 46 Prozent der Kontoübernahme-Vorfälle. Dies verdeutlicht, dass Automatisierung gezielt zur Monetarisierung von Cyberangriffen eingesetzt wird.
Der Bericht kommt zu dem Schluss, dass klassische Sicherheitsansätze nicht mehr ausreichen. Statt reiner Bot-Erkennung sei ein Governance-orientierter Ansatz notwendig, der Transparenz, Richtlinienkontrolle und Verhaltensanalysen kombiniert. Unternehmen müssen definieren, welche automatisierten Akteure Zugriff erhalten, und Schutzmechanismen auf API- und Identitätsebene kontinuierlich anpassen.
In einer zunehmend maschinengesteuerten Internetlandschaft wird damit nicht nur die Abwehr, sondern vor allem die Steuerung von Automatisierung zur zentralen Aufgabe der IT-Sicherheit.