Mehr Befugnisse für staatliche Stellen in der Cyberabwehr werden intensiv diskutiert. Adam Marrè, CISO bei Arctic Wolf, erklärt, was „aktive Cyberabwehr“ technisch bedeutet – und warum Eingriffe in komplexe IT-Infrastrukturen besondere Sorgfalt erfordern. Wirksame Maßnahmen erfordern ein tiefes Verständnis verteilter Angriffsszenarien sowie enge Zusammenarbeit aller Beteiligten.
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Adam Marrè, CISO bei Arctic Wolf
Angesichts der zunehmenden Zahl schwerer Cyberangriffe ist es nachvollziehbar, dass Regierungen ihre Möglichkeiten zur Abwehr digitaler Bedrohungen erweitern wollen. Initiativen, die staatlichen Behörden mehr Handlungsoptionen geben, sind Teil einer breiteren Diskussion darüber, wie sich Gesellschaften gegen immer professioneller organisierte Cyberkriminalität und staatlich unterstützte Angriffe schützen können.
Gleichzeitig zeigt die operative Realität der Cybersicherheit, dass Eingriffe in komplexe IT-Infrastrukturen technisch sehr anspruchsvoll sind – insbesondere dann, wenn kompromittierte Systeme selbst Teil einer Angriffsinfrastruktur geworden sind. Viele Geräte, von denen Angriffe ausgehen, sind nicht die Systeme der Täter, sondern bereits übernommene Systeme von Unternehmen, Organisationen oder Privatpersonen. Maßnahmen zur Unterbindung solcher Aktivitäten müssen deshalb mit großer technischer Sorgfalt erfolgen, um unbeabsichtigte Auswirkungen auf legitime Systeme zu vermeiden.
Cyberangriffe verlaufen zudem selten linear. Sie nutzen oft verteilte Infrastrukturen über viele Länder hinweg, kombinieren kompromittierte Geräte, Clouddienste und legitime Plattformen und verändern sich sehr schnell. Eingriffe in solche Umgebungen erfordern daher ein präzises Verständnis der technischen Zusammenhänge sowie eine enge Abstimmung zwischen staatlichen Stellen, Betreibern und der Sicherheitscommunity.
Deshalb ist es entscheidend, dass offensive Maßnahmen eng mit klaren technischen Prozessen, Transparenz und einer starken Zusammenarbeit zwischen Behörden, Betreibern und Sicherheitsanbietern verbunden sind. Unternehmen und Organisationen müssen in der Lage sein zu verstehen, was in ihren Systemen geschieht und wie sie darauf reagieren können.
Langfristige Cyberresilienz entsteht dort, wo mehrere Faktoren zusammenkommen: schnelle Erkennung von Angriffen, koordinierte Reaktion zwischen allen beteiligten Akteuren und robuste Schutzmechanismen in den betroffenen Organisationen selbst. Staatliche Maßnahmen können dabei eine wichtige Rolle spielen. Sie entfalten ihre volle Wirkung jedoch erst, wenn sie Teil eines umfassenden Sicherheitsökosystems sind.