Ein aktueller Bericht von Forescout zeigt strukturelle Sicherheitslücken in weit verbreiteter Infrastruktur-Hardware. Neben 22 neu entdeckten Schwachstellen rücken auch reale Angriffsszenarien und systemische Schwächen in den Fokus. Die Analyse identifiziert konkrete Angriffsvektoren – und verweist zugleich auf Grenzen automatisierter Sicherheitsforschung.
Foto: Forescout
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Daniel dos Santos, VP of Research bei Forescout
Serial-to-IP-Converter zählen zu den unscheinbaren, aber essenziellen Komponenten moderner Betriebsumgebungen. Sie ermöglichen es, bestehende serielle Systeme ohne vollständige Erneuerung in IP-basierte Netzwerke einzubinden. Eine aktuelle Untersuchung von Forescout Technologies Inc. zeigt nun, dass genau diese Schnittstellen erhebliche Sicherheitsrisiken bergen können – insbesondere in kritischen Infrastrukturen, in denen Verfügbarkeit und Datenintegrität zentrale Anforderungen darstellen.
Die unter dem Namen „BRIDGE:BREAK“ veröffentlichte Analyse identifiziert insgesamt 22 neue Schwachstellen in Geräten der Hersteller Lantronix und Silex. Acht der Schwachstellen betreffen Lantronix-Produkte, 14 Geräte von Silex.
Die Bandbreite der identifizierten Sicherheitslücken reicht von Remote Code Execution über Authentifizierungsprobleme bis hin zu Firmware-Manipulation, Denial-of-Service-Angriffen und der Offenlegung sensibler Informationen. Einige dieser Schwachstellen ermöglichen laut Analyse die vollständige Kontrolle über angeschlossene, geschäftskritische Geräte.
Darüber hinaus zeigt die Untersuchung strukturelle Defizite in der Firmware mehrerer Anbieter. Im Rahmen automatisierter Analysen identifizierten die Forscher im Durchschnitt rund 80 Open-Source-Komponenten pro Firmware. Dabei wurden tausende bekannte Schwachstellen festgestellt, darunter über 2.200 im Linux-Kernel sowie mehr als 200 in weiteren Softwarekomponenten. Zusätzlich fanden sich zahlreiche öffentlich verfügbare Exploits. Auch veraltete Komponenten, sogenannte „N-Day“-Schwachstellen und uneinheitliche Härtungsmaßnahmen für Binärdateien wurden beobachtet – Muster, die die Ausnutzbarkeit erhöhen können.
Ein zentrales Ergebnis der Untersuchung ist die Identifikation von Zehntausenden Serial-to-IP-Convertern, die direkt aus dem Internet erreichbar sind. Diese Erreichbarkeit ist häufig unbeabsichtigt, kann jedoch die Angriffsfläche erheblich vergrößern und die Zielsuche vereinfachen.
Zusätzlich spielt Open-Source-Intelligence eine Rolle bei der Vorbereitung potenzieller Angriffe. Öffentlich zugängliche Informationen können laut Analyse Details wie interne IP-Adressen, Modell- und Herstellerbezeichnungen oder architektonische Zusammenhänge offenlegen. In manchen Fällen sind sogar Fotografien aus realen Einsatzumgebungen verfügbar – etwa aus Umspannwerken, Wasseraufbereitungsanlagen oder industriellen Produktionsanlagen.
Diese Kombination aus technischer Exponierung und frei zugänglichem Kontextwissen ermöglicht es Angreifern, potenzielle Ziele gezielt zu identifizieren und zu priorisieren.
Die Analyse beschreibt auch konkrete Angriffsszenarien, die über rein theoretische Risiken hinausgehen. Ein typischer Angriffsablauf beginnt demnach mit dem Zugriff auf exponierte Edge-Systeme wie Router, Firewalls oder VPN-Gateways. Anschließend kann ein angreifbarer Serial-to-IP-Converter kompromittiert werden, etwa über Schwachstellen in Managementschnittstellen oder durch Remote Code Execution.
Im nächsten Schritt manipulieren Angreifer Daten, die zwischen seriellen Geräten und IP-Netzwerken übertragen werden. In Labortests zeigten die Forscher, wie sich Messwerte gezielt verändern lassen: Eine konstante Temperaturanzeige kann beispielsweise in stark schwankende Werte zwischen -40 und +40 Grad verändert werden – oder umgekehrt.
Die möglichen Auswirkungen hängen vom jeweiligen Einsatzbereich ab. Serial-to-IP-Converter werden unter anderem eingesetzt, um:
Manipulierte Daten können somit direkte Auswirkungen auf physische Prozesse haben – von Fehlsteuerungen in Produktionsanlagen bis hin zu falschen medizinischen Anzeigen.
Dass solche Szenarien realistisch sind, zeigt der Blick auf vergangene Vorfälle. Bereits im Zuge eines Angriffs auf die Ukraine im Jahr 2015 wurden Serial-to-IP-Converter gezielt manipuliert, wodurch Umspannwerke aus der Ferne außer Betrieb gesetzt wurden. Auch 2025 wurden ähnliche Geräte im Kontext von Angriffen auf das polnische Stromnetz adressiert.
Neben der Datenmanipulation hebt die Studie weitere Risiken hervor, darunter Denial-of-Service-Angriffe, die Kommunikationsprozesse unterbrechen, sowie Lateral Movement, bei dem kompromittierte Geräte als Ausgangspunkt für die Ausbreitung innerhalb eines Netzwerks dienen.
Die Untersuchung ordnet ihre Ergebnisse auch im Kontext aktueller Entwicklungen im Bereich künstlicher Intelligenz ein. Zwar könnten Fortschritte in der KI die Geschwindigkeit und Skalierung bei der Identifikation von Schwachstellen erhöhen, die Analyse zeigt jedoch Grenzen dieser Entwicklung.
Daniel dos Santos, VP of Research bei Forescout, erklärt:
„Serial-to-IP-Converter befinden sich direkt an der Schnittstelle zwischen Bedienern und physischen Prozessen, werden jedoch von herkömmlichen Sicherheitsüberwachungen oft nicht erfasst.“
Er ergänzt:
„KI wird zweifellos die Entdeckung von Schwachstellen in zahlreichen Technologien beschleunigen, aber Schwachstellen sind nicht alles. Die Identifizierung der folgenschwersten Risiken, insbesondere in Betriebsumgebungen, erfordert nach wie vor Einblicke darin, wie sich Geräte im Kontext verhalten, kommunizieren und ausfallen.“
Fehlende Transparenz über Assets und Kommunikationsmuster könne dazu führen, dass Angreifer unbemerkt agieren, sich innerhalb von Netzwerken bewegen oder Daten gezielt manipulieren.
Auf Basis der identifizierten Schwachstellen und Angriffsszenarien formuliert die Analyse mehrere Maßnahmen. Dazu gehört in erster Linie das zeitnahe Einspielen von Sicherheitsupdates, die von den Herstellern bereitgestellt wurden.
Darüber hinaus wird empfohlen:
Die Ergebnisse der BRIDGE:BREAK-Studie verdeutlichen, dass Serial-to-IP-Converter als Bindeglied zwischen alten und neuen Systemwelten eine zentrale, aber oft unterschätzte Rolle spielen. Gerade in kritischen Infrastrukturen kann ihre Absicherung entscheidend für die Stabilität und Integrität ganzer Betriebsumgebungen sein.