Eine gemeinsame Studie von Sage und der Internationalen Handelskammer (ICC) zeigt: Viele KMU stufen Nachhaltigkeit als zentral für ihr Geschäft ein und setzen erste Maßnahmen – doch beim Zugang zu Finanzmitteln hapert es. Eine wesentliche Ursache liegt laut Studie im niedrigen Digitalisierungsgrad: Nur ein kleiner Teil nutzt spezialisierte Software für Nachhaltigkeitsberichte, was Finanzierungsentscheidungen zusätzlich erschwert. Sage und ICC leiten daraus fünf Ansatzpunkte ab, um Berichterstattung, Datenqualität und Finanzierungsmöglichkeiten zu verbessern.
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Alexander Trautmann, Director of Product Engineering bei Sage
Kleine und mittlere Unternehmen (KMU) stehen bei der nachhaltigen Transformation unter besonderem Druck. Sie sind von steigenden Energiekosten, unterbrochenen Lieferketten oder extremen Wetterereignissen häufig stärker betroffen als große Betriebe – nicht zuletzt, weil finanzielle und organisatorische Puffer kleiner sind. Gleichzeitig gilt: Ohne die breite Beteiligung dieser Unternehmensgruppe ist Klimaneutralität nicht erreichbar. Vor diesem Hintergrund hat die Studie „SME Climate Finance Stocktake: Turning Ambition into Action“ die Nachhaltigkeitsambitionen von KMU dem tatsächlichen Zugang zu Finanzierungsmöglichkeiten gegenübergestellt.
Die Ergebnisse zeichnen ein Bild, das zwei Entwicklungen parallel zeigt: Einerseits wächst das Bewusstsein – und vielerorts auch die Aktivität – rund um Nachhaltigkeit. Andererseits bleibt die Skalierung vieler Initiativen aus, weil Finanzierung fehlt und digitale Grundlagen für belastbare Daten und formale Berichte nicht ausreichend verbreitet sind.
Die Studie belegt, dass Nachhaltigkeit in der KMU-Praxis inzwischen klar als wirtschaftliches Thema wahrgenommen wird. Weltweit stufen 70 Prozent der Studienteilnehmer Nachhaltigkeit als „zentral“ oder „wichtig“ für ihre Geschäftsaktivitäten ein (2024: 67 Prozent). 36 Prozent verfügen über einen formalen Nachhaltigkeitsplan (2024: 31 Prozent). Und 30 Prozent veröffentlichen Informationen zu ihrer Nachhaltigkeit (2024: 24 Prozent). Das deutet auf zunehmende Strukturierung hin – zumindest auf Ebene der Zielsetzung und Kommunikation.
Konkrete Umsetzungsschritte finden bereits statt, vor allem in Bereichen, die oft direkt mit Kosten und operativen Abläufen verknüpft sind. 58 Prozent der KMU haben Maßnahmen zur Energieeffizienz getroffen (2024: 53 Prozent). 53 Prozent haben begonnen, ihren Abfall zu reduzieren oder Recycling zu fördern (2024: 50 Prozent). 32 Prozent setzen erneuerbare Energien für ihren Betrieb ein (2024: 30 Prozent). Dennoch bewertet die Studie den Status quo nicht als umfassende Transformation: Viele Aktivitäten bleiben erste Schritte, die zwar Richtung vorgeben, aber noch nicht im großen Maßstab wirksam werden.
Ein zentraler Engpass ist dabei die Formalisierung und Messbarkeit von Nachhaltigkeitsleistungen. Nur 8 Prozent der KMU nutzen spezialisierte Software für formale Nachhaltigkeitsberichte. Genau hier entsteht ein Problem: Wo Daten nicht systematisch erhoben, konsolidiert und in ein nachvollziehbares Reporting überführt werden, bleiben Nachhaltigkeitsambitionen schwer belegbar – und damit auch schwer finanzierbar.
In allen untersuchten Märkten fällt es KMU laut Studie schwer, das notwendige Kapital zu beschaffen, um Nachhaltigkeitsinitiativen zu skalieren. Zwar gelingt einigen mittelgroßen Unternehmen – insbesondere in der Fertigungs- und Transportbranche – ein Durchbruch: Sie erhalten 4,1-mal häufiger Zugang zu nachhaltiger Finanzierung als kleinere Unternehmen. Für die Mehrheit bleibt Kapitalbeschaffung jedoch eine hohe Hürde.
Die Studie verknüpft diese Unterschiede ausdrücklich mit dem Zugang zu digitalen und KI-gestützten Tools. Unternehmen, die digitale Buchhaltung, elektronische Rechnungsstellung und KI-Lösungen zur Überwachung ihres CO₂-Fußabdrucks einsetzen, legen demnach deutlich häufiger Nachhaltigkeitsberichte vor – ein Faktor, der den Zugang zu Finanzmitteln erleichtert. Umgekehrt gilt: Fehlt diese digitale Basis, bleiben potenzielle Investitionen in Milliardenhöhe ungenutzt.
Alexander Trautmann, Director of Product Engineering bei Sage, ordnet die Ergebnisse entsprechend ein und betont die doppelte Dynamik aus Engagement und Umsetzungsbremse: „Die Studie zeigt klar, dass kleine und mittlere Unternehmen das Thema Nachhaltigkeit ernst nehmen und bereits konkrete Initiativen zur Optimierung ihrer Geschäftsprozesse angestoßen haben. Gleichzeitig wird jedoch erneut deutlich, dass ein unzureichender Digitalisierungsgrad die Umsetzung in die Praxis erschwert. Ohne geeignete Softwarelösungen bleibt es für KMU schwierig, Zugang zu den erforderlichen Finanzmitteln zu erhalten. KI sollte von Grund auf in diese Lösungen integriert sein, damit sie Zugriff auf alle relevanten Daten erhält und Prozesse anstoßen sowie kontrollieren kann“.
Trautmanns Aussage macht deutlich, worauf es aus Perspektive vieler KMU hinausläuft: Wer nachhaltige Investitionen tätigen will, braucht Finanzierung – und wer Finanzierung will, muss Daten in einer Form liefern können, die Anforderungen von Banken, Kunden oder Behörden erfüllt. Digitalisierung wird damit nicht nur zum Effizienzthema, sondern zur Voraussetzung für Marktzugang und Kapital.
Aus den Studienergebnissen leiten Sage und ICC fünf Maßnahmen ab, die KMU den Weg zu nachhaltigerem Wirtschaften erleichtern sollen. Kernidee ist, Aufwand und Komplexität der Berichterstattung zu reduzieren, digitale Grundlagen zu stärken und die Angebotsseite der Finanzierung auszubauen.
Erstens empfiehlt die Studie benutzerfreundliche und einheitliche Berichtsstandards. Regierungen und internationale Standardisierungsgremien sollen harmonisierte Nachhaltigkeitsstandards entwickeln – mit klaren Begriffen, präzisen Leitlinien und Vorlagen. Als Orientierung nennt die Studie die Minimalanforderungen des Voluntary Sustainability Reporting Standard for Non-Listed Small and Medium Sized Enterprises (VSME) sowie des International Sustainability Standards Board (ISSB). Ziel ist, Daten einmal zu erfassen und mehrfach nutzen zu können – etwa gegenüber Banken, Kunden und Aufsichtsbehörden.
Zweitens plädiert die Studie für ein tragfähiges Ökosystem für Nachhaltigkeitsberichterstattung. Dazu zählen steuerliche Anreize, gemeinsame digitale Tools und Kompetenzaufbau, aber auch die stärkere Vermittlung wirtschaftlicher Vorteile – etwa besserer Marktzugang, erleichterte Finanzierung und geringere Kosten. Technologieunternehmen und Finanzinstitute sollen erschwingliche Lösungen entwickeln und KI so einsetzen, dass Berichterstattung weniger ressourcenintensiv wird.
Drittens geht es um digitale Innovation und KI-gestützte Reporting-Lösungen, die Datenerfassung und Reporting weitgehend automatisieren. Genannt werden kostengünstige Anwendungen, die Buchhaltung, E-Rechnungen und Energiedaten verknüpfen und für Finanzinstitute relevante Felder automatisch ausfüllen. System-zu-System-Integrationen sollen aus den gesammelten Daten Handlungsempfehlungen und passende Finanzierungsoptionen ableiten können.
Viertens fordert die Studie eine Standardisierung von Datenanforderungen über Ländergrenzen hinweg. Einheitliche Standards sollen den Aufwand reduzieren und ermöglichen, einen Nachhaltigkeitsbericht für unterschiedliche Anfragen zu verwenden.
Fünftens empfiehlt die Studie, nachhaltigkeitsbezogene Finanz- und Unterstützungsangebote auszuweiten: Kredite für Transformations- und Nachhaltigkeitsprojekte, Übergangskredite und grünes Leasing. Ergänzend sieht sie Workshops, Schulungen und Beratung als notwendig, damit aus Plänen konkrete Projekte werden.