Laut einer aktuellen Studie des Capgemini Research Institut sehen 60 Prozent der Unternehmen in Physical AI den Schlüssel für neue Robotikanwendungen. Bereits 79 Prozent beschäftigen sich mit der Technologie, mehr als ein Viertel setzt sie schon ein oder skaliert sie.
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Martina Sennebogen, Vorstandsvorsitzende bei Capgemini Österreich.
Physical AI entwickelt sich laut einer aktuellen Untersuchung des Capgemini Research Institute zunehmend zu einem zentralen Treiber für den nächsten Entwicklungsschritt in der Robotik. Die Technologie beschreibt KI-Systeme, die nicht mehr nur vordefinierten Prozessen folgen, sondern eigenständig in der physischen Welt agieren können. Unternehmen erwarten dadurch grundlegende Veränderungen in zahlreichen Branchen und Anwendungsfeldern.
Die Studie „Physical AI: Taking human-robot collaboration to the next level“ zeigt, dass Physical AI einen Paradigmenwechsel markiert: weg von klassischer Automatisierung hin zu autonomem, adaptivem Handeln. Besonders hoch ist die Erwartungshaltung im Hightech-Sektor, wo 93 Prozent der Führungskräfte die Technologie als Gamechanger einstufen. Auch in Logistik (69 Prozent) und Landwirtschaft (59 Prozent) wird ein tiefgreifender Wandel gesehen.
Global betrachtet teilen nahezu drei Viertel der Führungskräfte in den USA sowie rund zwei Drittel in Europa und im asiatisch-pazifischen Raum diese Einschätzung. Insgesamt gehen 60 Prozent davon aus, dass Physical AI Anwendungen ermöglicht, die bisher als unwirtschaftlich oder unpraktikabel galten – etwa bei gefährlichen Tätigkeiten, in der Mikro-Logistik oder im Pflegebereich.
Treiber dieser Entwicklung sind technologische Fortschritte, insbesondere bei sogenannten Foundation Models, die Robotern komplexe Entscheidungsfähigkeit verleihen. Ergänzt wird dies durch Simulationstechnologien, die Trainingszyklen deutlich verkürzen, sowie durch Fortschritte bei Edge Computing, Batterietechnologien und Konnektivität, etwa durch private 5G-Netze.
Mit Blick auf wirtschaftliche Entwicklungen gewinnt Physical AI zusätzlich an Bedeutung. 43 Prozent der Führungskräfte geben an, dass Reindustrialisierung und Reshoring ihr Interesse an der Technologie verstärken, insbesondere zur Unterstützung einer skalierbaren inländischen Produktion. Zwei Drittel der Unternehmen priorisieren Physical AI bereits in ihrer Automatisierungsstrategie für die kommenden drei bis fünf Jahre.
Ein wesentlicher Investitionstreiber sind Arbeitskräftemangel und nicht primär Kostenaspekte. Besonders betroffen sind Branchen wie Landwirtschaft, Einzelhandel, Hightech, Logistik und Automobilindustrie. Gleichzeitig erwarten Unternehmen mehr Flexibilität: Fast die Hälfte der Befragten nennt die schnellere Anpassungsfähigkeit von Produktionssystemen als zentralen Vorteil.
Auch Aspekte wie Arbeitssicherheit und reduzierte körperliche Belastung spielen eine Rolle. Mehr als die Hälfte der Führungskräfte sieht hier konkrete Verbesserungen durch den Einsatz autonomer Systeme.
„Robotik bedeutete bisher Fabrikhallen, geschützte Umgebungen sowie definierte und repetitive Aufgaben. An einen universellen Einsatz war nicht zu denken. Die technologischen Durchbrüche im Bereich der künstlichen Intelligenz, Rechenleistung und Mechanik markieren jetzt einen Wendepunkt. KI ermöglicht es Systemen nun, nicht nur die Welt zu sehen, sondern sie zu verstehen sowie adaptiv und autonom zu handeln. Physical AI findet sich in der Welt der Menschen zurecht und kann mit uns natürlich interagieren“,
erklärt Martina Sennebogen, Vorstandsvorsitzende bei Capgemini Österreich.
„Auch wenn die Welt derzeit auf die humanoiden Roboter blickt, so liegt der Hebel für den nutzenstiftenden Einsatz unmittelbar in traditionellen Bauformen wie automatisierte Transportsysteme, robotische Arme oder kollaborative semi-stationäre robotische Systeme. Gerade für die europäische und deutsche Industrie ist es nun wichtig, rasch den Sprung von vereinzelten Demonstratoren hin zur breiten produktiven Anwendung zu meistern.“
Trotz hoher Erwartungen steht Physical AI noch am Übergang von Pilotprojekten zur breiten Implementierung. Rund zwei Drittel der Führungskräfte rechnen damit, dass dieser Schritt innerhalb der nächsten fünf Jahre gelingt. Aktuell operieren jedoch nur 4 Prozent der Unternehmen im großen Maßstab.
Als größte Hürde gilt die Skalierung: Fast acht von zehn Führungskräften sehen hier Herausforderungen. Während etablierte Robotikformen wie autonome mobile Systeme oder Industrieroboter kurzfristig wachsen dürften, bleiben humanoide Roboter vorerst eine langfristige Perspektive. Gründe dafür sind technologische Reife, Kosten, Trainingsaufwand sowie ein noch unklarer Return on Investment. Auch gesellschaftliche Akzeptanz wird von mehr als 60 Prozent der Befragten als kritischer Faktor genannt.
Insgesamt zeigt die Studie, dass Physical AI bereits heute strategisch verankert ist – der breite produktive Einsatz jedoch noch vor strukturellen und technologischen Herausforderungen steht.