Cyberkriminelle greifen verstärkt auf eine bereits seit Jahren bekannte Methode zurück, um E-Mail-Sicherheitssysteme zu umgehen. Nach Erkenntnissen von Barracuda Research wird sogenanntes „Text Salting“ inzwischen gezielt eingesetzt, um neben klassischen Spamfiltern auch KI-gestützte Erkennungssysteme zu täuschen. Die Forscher registrierten mehr als eine Million entsprechende Phishing-Angriffe im Einzelhandel.
Foto: Barracuda Networks
Klaus Gheri, Vice President und General Manager Network Security bei Barracuda
Die Weiterentwicklung generativer KI verändert nicht nur die Möglichkeiten der Verteidigung gegen Cyberangriffe, sondern eröffnet auch Angreifern neue Wege. Nach einer Analyse von Barracuda Research erlebt eine seit Jahren bekannte Technik derzeit eine Renaissance: Beim sogenannten „Text Salting“ werden große Mengen unauffälligen Textes in Phishing-E-Mails versteckt, um Sicherheitssysteme bei der Bewertung der Nachrichten zu beeinflussen. Nach Angaben des Unternehmens wurden mehr als eine Million derartiger Angriffe mit Bezug zum Einzelhandel analysiert.
Beim „Text Salting“ ergänzen Angreifer Phishing-Nachrichten um umfangreiche, für den Empfänger unsichtbare Textpassagen. Diese bestehen aus scheinbar harmlosen Inhalten wie kurzen Geschichten, Notizen oder allgemeinen Unterhaltungen. Ziel ist es, die eigentliche betrügerische Nachricht zwischen unverdächtigen Formulierungen zu „verwässern“ und dadurch automatische Erkennungssysteme zu beeinflussen.
Dabei kommen verschiedene Techniken zum Einsatz. So wird etwa die Schriftgröße einzelner Textabschnitte auf null gesetzt, wodurch diese für den Empfänger unsichtbar bleiben. In anderen Fällen wird der Text außerhalb des sichtbaren Bereichs einer E-Mail platziert oder das Anzeigefenster so verkleinert, dass die eingefügten Inhalte nicht erscheinen. Ebenfalls beobachtet wurden manipulierte HTML-Strukturen, bei denen einzelne Wörter durch unsichtbare Zeichenfolgen unterbrochen werden.
Dadurch lassen sich signaturbasierte Erkennungssysteme umgehen, die nach bestimmten Schlüsselbegriffen oder fest definierten Formulierungen suchen. Ein Beispiel wäre die Zerlegung der Formulierung „Ihr Passwort ist abgelaufen“ durch eingefügten, unsichtbaren Text. Für den Empfänger erscheint der Satz unverändert, während automatisierte Scanner die vollständige Zeichenfolge nicht mehr erkennen.
Die sichtbaren Inhalte der untersuchten Nachrichten zielten laut Barracuda überwiegend auf den Einzelhandel ab. Häufig wurden angeblich ablaufende Bonuspunkte, Prämien oder Geschenkkarten als Köder eingesetzt, verbunden mit der Aufforderung, kurzfristig zu handeln.
Nach Einschätzung der Forscher gewinnt die Technik insbesondere deshalb an Bedeutung, weil moderne KI-Systeme den vollständigen Inhalt einer E-Mail auswerten – einschließlich versteckter Textbestandteile. Große Sprachmodelle (Large Language Models, LLMs) beziehen sämtliche vorhandenen Inhalte in ihre Bewertung ein, um Absicht, Tonfall und Risiko einer Nachricht einzuschätzen. Enthält eine E-Mail große Mengen unverdächtigen Textes mit positiv besetzten Begriffen, kann dies die Gesamtbewertung beeinflussen und das Risiko einer Fehleinstufung erhöhen.
Gleichzeitig erleichtert generative KI die Erstellung solcher Inhalte erheblich. Angreifer können innerhalb kurzer Zeit beliebig viele unterschiedliche Textvarianten erzeugen, ohne dass sich die eigentliche Phishing-Nachricht wesentlich verändert. Dadurch entstehen Kampagnen mit einer hohen Variabilität, die klassische Mustererkennung zusätzlich erschweren.
„Techniken mit verstecktem Text erleben im KI-Zeitalter ein Comeback“, erklärt Klaus Gheri, Vice President und General Manager Network Security bei Barracuda.
„Diese Techniken manipulieren die Art und Weise, wie sowohl herkömmliche als auch KI-basierte Sicherheitstools eine E-Mail interpretieren, während generative KI Text-Salting-Kampagnen kostengünstig, skalierbar und äußerst vielfältig macht.“
Die Entwicklung zeige nach Einschätzung des Unternehmens, dass sich Angreifer zunehmend darauf konzentrieren, nicht nur regelbasierte Filter, sondern auch lernende Sicherheitssysteme gezielt zu beeinflussen.
Aus Sicht der Forscher reicht eine reine Analyse von Schlüsselbegriffen oder einzelnen Textmustern zunehmend nicht mehr aus, um Phishing-Nachrichten zuverlässig zu erkennen. Stattdessen empfehlen sie einen mehrschichtigen Sicherheitsansatz, bei dem unterschiedliche Merkmale einer E-Mail gemeinsam bewertet werden.
Dazu gehören unter anderem die technische Struktur der Nachricht, die Authentifizierung des Absenders, dessen Reputation, Auffälligkeiten im Kommunikationsverhalten sowie die Analyse eingebetteter Links und HTML-Elemente. Ebenso sollte berücksichtigt werden, welcher Inhalt dem Empfänger tatsächlich angezeigt wird und welche Bestandteile lediglich im Quellcode vorhanden sind.
Ergänzend verweisen die Sicherheitsexperten auf die Bedeutung der Sensibilisierung von Anwendern. Ungewöhnliche Angebote, vermeintlich ablaufende Prämien oder Nachrichten mit hohem Zeitdruck zählen weiterhin zu den typischen Merkmalen von Phishing-Kampagnen. Trotz zunehmender Automatisierung bleibe daher die Kombination aus technischen Schutzmechanismen und aufgeklärten Nutzern ein zentraler Bestandteil der E-Mail-Sicherheit.