Geopolitische Konflikte, staatlich gesteuerte Cyberoperationen und der Missbrauch künstlicher Intelligenz verändern die Bedrohungslage grundlegend. Der europäische IT-Sicherheitshersteller ESET erwartet für 2026 eine Zuspitzung dieser Entwicklungen – mit direkten Folgen für Unternehmen, kritische Infrastrukturen und politische Systeme.
Foto: ESET
Juraj Janosik, Head of AI bei ESET
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Jean-Ian Boutin, Director of Threat Research bei ESET
Die digitale Sicherheitslage ist längst kein isoliertes IT-Thema mehr. Was sich auf diplomatischer oder militärischer Ebene zuspitzt, setzt sich zunehmend im Cyberraum fort. Für das Jahr 2026 zeichnen die Experten von ESET das Bild eines Umfelds, in dem staatliche Akteure, professionell organisierte Cyberbanden und neue technologische Möglichkeiten ineinandergreifen. Die Prognose beruht auf aktuellen Beobachtungen aus der Threat-Research-Arbeit des Herstellers und wurde am 09. Dezember 2025 in Jena veröffentlicht.
Ein zentrales Feld künftiger Auseinandersetzungen sieht ESET in der Drohnenbranche. Die weltweite Aufrüstung und der schnelle technologische Fortschritt machen diesen Sektor nicht nur militärisch, sondern auch aus Sicht der Cyberspionage attraktiv. Staaten wie China, Russland, Iran und Nordkorea versuchen laut ESET verstärkt, über digitale Angriffe an technologische Informationen zu gelangen.
Besonders im Fokus stehen dabei Regionen mit hoher Innovationsdynamik. China beobachtet Taiwans militärische Modernisierung aufmerksam, während Russland weiterhin die Drohnenprogramme der Ukraine ins Visier nimmt, die sich im Verlauf des Krieges rasch weiterentwickelt haben. ESET verweist in diesem Zusammenhang auch auf einen im Oktober 2025 aufgedeckten Fall von Industriespionage.
Jean-Ian Boutin, Director of Threat Research bei ESET, ordnet diese Entwicklung ein:
„Die großen staatlichen Akteure suchen immer dort nach Schwachstellen, wo technologische Innovation am schnellsten voranschreitet. 2026 wird der Drohnensektor deshalb stärker denn je im Fadenkreuz stehen.“
Der russische Angriffskrieg gegen die Ukraine bleibt nach Einschätzung von ESET der wichtigste geopolitische Treiber für Cyberangriffe auf Europa. Selbst ein möglicher Waffenstillstand würde diese Aktivitäten voraussichtlich nicht beenden. Vielmehr rechnen die Analysten damit, dass russische Gruppen ihre Angriffe gezielt auf europäische Militärprogramme, Energieinfrastrukturen sowie auf Lieferketten westlicher Modernisierungsprojekte ausrichten.
Zusätzlich rückt die engere digitale Zusammenarbeit zwischen Verbündeten in den Vordergrund. Länder bündeln demnach ihre Fähigkeiten im Cyberraum, was die Komplexität und Reichweite entsprechender Angriffe weiter erhöhen könnte. Der Cyberraum bleibt damit ein dauerhafter Bestandteil geopolitischer Machtprojektion – auch jenseits offener militärischer Auseinandersetzungen.
Als beschleunigenden Faktor beschreibt ESET den zunehmenden Einsatz künstlicher Intelligenz. Staaten nutzen KI-Modelle, um Cyberoperationen zu skalieren – von Spionage über Sabotage bis hin zu Desinformationskampagnen. Gleichzeitig entsteht ein schwer überschaubarer Markt für KI-Modelle unbekannter Herkunft, die manipuliert oder kompromittiert sein können.
Auch Cyberkriminelle profitieren von dieser Entwicklung. Deepfakes, überzeugend formulierte Nachrichten oder täuschend echte Online-Profile lassen sich mit geringem Aufwand erstellen und weltweit verbreiten. In politisch angespannten Zeiten kann dies das Vertrauen in öffentliche Kommunikation und Entscheidungsprozesse erheblich beeinträchtigen.
Juraj Janosik, Head of AI bei ESET, warnt vor den Folgen mangelnder Absicherung:
„Digitale Agenten verbreiten sich immer stärker – sowohl auf der ‚guten‘ als auch auf der ‚bösen‘ Seite. Ohne starke IT-Sicherheit gefährden sich Unternehmen unnötig selbst und öffnen Cyberkriminellen Tür und Tor.“
Für europäische Unternehmen bedeutet diese Prognose vor allem eines: Die Trennlinie zwischen geopolitischen Konflikten und unternehmerischer IT-Sicherheit wird weiter verschwimmen. Digitale Resilienz entwickelt sich damit zunehmend zu einer strategischen Voraussetzung – nicht nur für Staaten, sondern auch für die Wirtschaft.