Vom Shopping-Login bis zum Streaming-Abo: Persönliche Informationen werden heute an unzähligen Stellen gespeichert – und sind damit ein attraktives Ziel für Cyberkriminelle. Einmal kompromittiert, tauchen Passwörter, Zahlungsdaten oder ganze Nutzerprofile oft in kurzer Zeit in Untergrundforen und Marktplätzen im Darknet auf. Der IT-Sicherheitshersteller ESET warnt vor der Dynamik des Identitätsdiebstahls – und davor, wie rasch aus einem einzelnen Leak eine Kettenreaktion wird.
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Michael Klatte, Cybersicherheitsexperte bei ESET
Ob Online-Shopping, App-Download oder Streaming-Dienst: Noch nie waren digitale Identitäten so umfassend – und gleichzeitig so verwundbar. Wo Nutzerkonten, Zahlungsdaten und Profile zusammenlaufen, entstehen Datenschatten, die Kriminelle gezielt ausnutzen. Sobald Informationen in falsche Hände geraten, werden sie nicht nur weiterverkauft, sondern oft systematisch kombiniert und für Betrug eingesetzt. Das Tempo, mit dem gestohlene Daten in Untergrundmärkten landen, erhöht den Druck auf Betroffene erheblich: Wer zu spät reagiert, riskiert, dass sich Angriffe schnell ausweiten.
Wie persönliche Daten in kriminelle Hände gelangen, hat unterschiedliche Ursachen. Zu den häufigen Auslösern zählen Sicherheitsvorfälle bei Unternehmen, Spionage-Software, Phishing und falsch konfigurierte Cloud-Dienste. Besonders problematisch ist aus Sicht von ESET die zunehmende Professionalisierung der Angreifer. Schadsoftware und Angriffswerkzeuge werden längst als Dienstleistung angeboten – und senken damit die Einstiegshürden. Kriminelle benötigen nicht einmal mehr technisches Spezialwissen, um in großem Stil Identitäten abzugreifen, zu handeln oder in Betrugsszenarien einzuspeisen.
ESET warnt davor, Datenlecks als Einzelfälle zu betrachten. „Ein einzelnes Datenleck ist heute selten ein isolierter Vorfall“, sagt Michael Klatte, Cybersicherheitsexperte bei ESET. „Gestohlene Zugangsdaten sind der Rohstoff für weitere Angriffe. Sie werden gesammelt, automatisiert ausprobiert und öffnen Angreifern oft Tür um Tür zu weiteren Konten.“
Für Unternehmen wie für Endnutzer verschärft sich die Lage auch deshalb, weil Angreifer längst nicht mehr ausschließlich auf klassische Zugangsdaten zielen. Neben Passwörtern rücken Mechanismen in den Fokus, die Sitzungen und Logins technisch absichern sollen – und sich dennoch missbrauchen lassen. „Wir sehen, dass Angreifer längst nicht mehr nur Passwörter stehlen“, so Klatte weiter. „Session-Cookies oder Authentifizierungs-Tokens ermöglichen es ihnen, bestehende Logins zu übernehmen. Das kann sogar eine Zwei-Faktor-Authentifizierung aushebeln. Für Betroffene ist das besonders tückisch, weil es zunächst völlig unauffällig bleibt.“
Parallel dazu kursieren im Darknet zunehmend hochsensible Informationen, darunter biometrische Merkmale wie Fingerabdrücke oder Gesichtsscans. Der Unterschied zu Passwörtern ist gravierend: Während Zugangsdaten geändert werden können, bleiben biometrische Daten dauerhaft gleich – und machen Identitätsdiebstahl zu einem langfristigen Risiko.
Wenn persönliche Daten im Darknet auftauchen, ist Geschwindigkeit entscheidend. ESET empfiehlt, Passwörter sofort zu ändern, sobald ein Konto betroffen sein könnte – insbesondere dann, wenn dieselben Passwörter über mehrere Konten hinweg genutzt wurden. Wo möglich sollte Zwei-Faktor-Authentifizierung aktiviert werden, idealerweise über eine Authenticator-App statt per SMS. Dienste, die keine 2FA anbieten, sollten gemieden werden, weil die Kombination aus Nutzername und Passwort allein als unsicher gilt.
Zugleich sollten Betroffene alle aktiven Sitzungen in wichtigen Konten beenden, etwa in E-Mail- und Social-Media-Accounts. Kontoaktivitäten müssen überprüft werden – dazu gehören ungewöhnliche Logins, unbekannte Geräte oder verdächtige Weiterleitungen im Postfach. Wenn Zahlungsdaten betroffen sein könnten, sind Bank und Zahlungsanbieter zu informieren; Konten sollten aufmerksam auf verdächtige Transaktionen kontrolliert werden. Bevor neue Passwörter gesetzt werden, ist außerdem eine Prüfung der Geräte auf Infostealer und andere Malware erforderlich. Auch nach einem Leak ist besondere Vorsicht geboten: Mails und SMS mit angeblichen Sicherheitswarnungen oder Kontosperrungen können gezielt eingesetzt werden, um zusätzlichen Schaden anzurichten. Schließlich empfiehlt ESET, alte und ungenutzte Online-Konten zu schließen, um unnötige Angriffsflächen zu reduzieren.
Langfristig komme es auf digitale Hygiene an – mit regelmäßigen Updates, starken und einzigartigen Passwörtern, einem verantwortungsvollen Umgang mit persönlichen Daten sowie einem kritischen Blick auf Nachrichten, Links und Anhänge. Klatte warnt dabei vor gefährlicher Verzögerung: „Viele unterschätzen den Ernst der Lage oder reagieren zu spät“, sagt er. „Cyberkriminelle arbeiten hochautomatisiert und mit enormem Tempo. Wer seine Konten sichern will, muss im Ernstfall genauso schnell handeln.“