Autonome KI-Agenten übernehmen zunehmend Aufgaben im digitalen Einkauf: Sie vergleichen Angebote, bereiten Bestellungen vor und können Kaufentscheidungen eigenständig umsetzen. Ein neuer Report von McKinsey & Company analysiert, wie sich diese Entwicklung auf Konsument:innen, Händler und Plattformen auswirkt – und welche wirtschaftliche Bedeutung der sogenannte „Agentic Commerce“ in den kommenden Jahren erreichen könnte.
Foto: McKinsey & Company
Katharina Schumacher, McKinsey-Partnerin und Autorin des Reports „The agentic commerce opportunity: How AI agents are ushering in a new era for consumers and merchants“
Das Weihnachtsgeschäft gilt traditionell als Belastungstest für Handel, Logistik und Konsument:innen. Gleichzeitig beschleunigt sich in dieser Phase die Nutzung neuer digitaler Werkzeuge. Laut einer aktuellen Analyse von McKinsey & Company rücken dabei KI-gestützte Shopping-Agenten zunehmend in den Fokus. Diese agieren nicht mehr nur als Such- oder Empfehlungssysteme, sondern als eigenständige Akteure, die Einkaufsprozesse im Auftrag von Nutzer:innen vorbereiten oder vollständig abwickeln. Die Untersuchung beschreibt diese Entwicklung als grundlegenden Wandel der Interaktion zwischen Konsument:innen und Handel.
McKinsey definiert „Agentic Commerce“ als eine Form des Handels, bei der autonome KI-Agenten Kaufprozesse steuern. Diese Agenten analysieren Präferenzen, antizipieren Bedarf, vergleichen Produkte und Preise, verhandeln Konditionen und führen Transaktionen aus. Anders als klassische E-Commerce-Modelle, bei denen Menschen Websites aktiv bedienen, verlagert sich die Interaktion zunehmend auf maschinenvermittelte Prozesse. Der Einkauf wird damit stärker automatisiert und in einzelne, von Software ausgeführte Entscheidungsschritte zerlegt.
Mit dem Einsatz solcher Agenten wandelt sich auch die Wahrnehmung des Einkaufens. Der Report beschreibt eine steigende Erwartung an personalisierte, schnelle und möglichst reibungslose Customer Journeys. Konsument:innen delegieren Entscheidungen an KI-Systeme, behalten aber die Möglichkeit zur Kontrolle oder finalen Freigabe. McKinsey beobachtet, dass KI-gestützte Suche und Entscheidungsunterstützung für viele Nutzer:innen bereits zu einer bevorzugten Einstiegsmöglichkeit ins Internet geworden ist – mit direkten Auswirkungen auf den Handel.
Die Studie beziffert das wirtschaftliche Potenzial von Agentic Commerce deutlich. Bis 2030 könnte allein im B2C-Einzelhandel der USA ein orchestrierter Umsatz von bis zu 1 Billion US-Dollar entstehen. Global schätzt McKinsey das Potenzial auf 3 bis 5 Billionen US-Dollar. In diesen Zahlen sind physische Güter berücksichtigt; Dienstleistungen und B2B-Marktplätze sind noch nicht enthalten. Der Report vergleicht die Tragweite dieser Entwicklung mit früheren Umbrüchen durch E-Commerce und Mobile Commerce, weist jedoch auf eine potenziell schnellere Diffusion hin.
Für Händler:innen und Plattformbetreiber bedeutet der Trend eine strukturelle Herausforderung. Systeme, die bislang für menschliche Nutzer:innen optimiert waren, müssen künftig auch für maschinelle Akteure les- und nutzbar sein. Der Report beschreibt drei zentrale Interaktionsmodelle: Agent-zu-Shop, Agent-zu-Agent und vermittelte Modelle über Broker-Plattformen. Daraus ergeben sich Anpassungen bei Produktdaten, Schnittstellen, Zahlungsabwicklung und Betrugsprävention. Gleichzeitig stellt sich die Frage, wie Marken sichtbar bleiben, wenn Kaufentscheidungen zunehmend von Algorithmen beeinflusst werden.
McKinsey betont, dass Vertrauen eine zentrale Voraussetzung für die breite Akzeptanz von Agentic Commerce ist. Wenn KI-Agenten eigenständig handeln, werden Fragen der Verantwortlichkeit, Transparenz und Datensouveränität relevanter. Der Report nennt unter anderem Risiken durch Fehlentscheidungen autonomer Systeme, unklare Haftungsfragen und regionale Unterschiede in der Zahlungs- und Vertrauenskultur. Um diese Herausforderungen zu adressieren, seien nachvollziehbare Entscheidungslogiken, klare Einwilligungsmechanismen und robuste Governance-Modelle erforderlich.